Praktische Entwicklungspsychologie: Bedürfnisse von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen verstehen

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Zitat Nr.1

„Die Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn ein sich erfahrungs- und nutzungsabhängig entwickelndes Organ ist, bedeutet empirisch nicht weniger, als dass die soziokulturelle Entwicklungsumwelt, in die ein Mensch hineinwächst, die neuronale Architektur seines Gehirns ganz entscheidend bestimmt."

[1] [1]

Die unter Punkt 4. aufgelisteten Artikel zum Thema „Entwicklungstheorie als Hintergrundwissen“ werden durch o.a. Zitat von Gerald Hüther großartig zusammengefasst und auf den Punkt gebracht.

Als Psychotherapeutin scheint es mir wichtig, zu wissen, dass das menschliche Gehirn über ein hohes Entwicklungs- und Veränderungspotenzial verfügt, besonders in der Zeit des Heranwachsens, aber auch im Erwachsenenalter. Kurz gesagt, was aus einem Menschen (Kind, Jugendlichen, Erwachsenen) zu einem bestimmten Zeitpunkt geworden ist, ist immer nur ein Teil dessen, was diese Person noch hätte lernen und gestalten können. Manche Menschen haben ihre Fähigkeiten nicht mehr im Blick, die Lust am Lernen und Entdecken verloren bzw. wurde ihnen diese geraubt und es ist unsere Aufgabe als „BegleiterInnen“ diese mit ihnen gemeinsam wiederzuentdecken, sichtbar und erlebbar zu machen.

Kinder und Jugendliche denen durch schädigende Einflüsse die Begeisterung zum eigenen Denken und Gestalten nicht mehr zur Verfügung steht, benötigen eine stabile („therapeutische“) Beziehung als Brücke zu sich selbst, um dadurch aus sich herauswachsen und Selbstwirksamkeit entwickeln zu können.

Salzburg, 12.09.2016
Claudia Schütze


Einzelnachweise

  1. Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gerald Hüther in: Was wir sind und was wir sein könnten, 5. Aufl. 2011, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, S. 45, ISBN: 9783100324054

Zitat Nr.2

Probleme zu normalisieren bedeutet jedoch nicht, Fehlverhalten gutzuheißen. Zum Erziehungsjob von Eltern gehören auch das Vertreten von unpopulären Positionen, Grenzsetzungen und das Durchsetzen von Forderungen. Ein zentrales Thema der Familientherapie ist die Frage, wie in sich wandelnden Lebensabschnitten eine Balance zwischen dem Wunsch nach Autonomie und Individuation auf der einen Seile und dem nach Bezogenheit und Verbundenheit auf der anderen Seite ausgehandelt werden kann. Die systemische Therapie unterstützt Familien bei dem Aushandlungsprozess von stark belastenden »heißen« emotionalen Themen und Konflikten und bei der Entwicklung von konstruktiven Lösungen.

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Problem normalisieren

Eltern kommen meistens in einem Ausnahmezustand in die Psychotherapie. Sie sind besorgt, verunsichert und überfordert, erfahren Widerstände innerhalb und außerhalb der Familie, verstricken sich in Widersprüchen, können weder vor noch zurück, sind erschöpft und erfahren wenig oder gar kein positives Feedback, noch Wertschätzung. Dann kommen sie zur Psychotherapeut_in und erhoffen sich Lösungen aber fürchten auch Kritik vom „Erziehungsexpert_innen“. Systemische Psychotherapeut_innen überraschen die meisten Eltern, mit deren Sichtweise der Situation. Sie nehmen zwar die Problemstellungen wahr, verstehen aber die Rolle der Akteure ressourcen- und kontextorientiert ((Grossmann, 2000; Ludewig, 2002;De Shazer, 2012). Das nimmt den Betroffenen den Makel des Versagens und Scheiterns, gerade in einer Gesellschaft, wo nicht über die „eigenen Probleme“ gesprochen wird. Das löst noch nicht das Problem, doch es verschiebt den Fokus, hin zum eigenen, spezifischen Versuch mit einer Situation, einem Kontext und einer Lebensphase klarzukommen. Ich verstehe darunter:

  • Die Situation und die Lösungsversuche werden anerkannt und als etwas „normales“, und „logisches“ verstanden. Die meisten Lösungsversuche haben eine Berechtigung, sind daher „logisch“. Sie können aber ihre Berechtigung verlieren, weil sich die Menschen und die Situationen verändert haben. Etwas wieder und wieder zu versuchen, vehementer unter Umständen, ist auch normal, aber nicht immer hilfreich (Ludewig, 2002).
  • Meistens braucht es nicht viel, damit sich etwas verändert. Das heißt, bei großen Problemen erwarten viele auch große Strategiewechsel. Doch der Spielraum und die Ressourcen sind in der Krise knapp, daher soll aus dem bestehenden Repertoire geschöpft werden, eine minimale Veränderung an einem Detail, oder eine Ausnahme zur Regel erhoben werden. Das wirkt oft Wunder (De Shazer, 2012).
  • Es ist auch immer eine Frage der Erzählweise. Gehört nicht zu einem Ausnahme-Zustand auch Ausnahme-Umstand? Umbrüche und Veränderungen erschüttern naturgemäß ein Gefüge und verlangen eine Anpassung, die Kraft und Zeit verlangt. Eine Situation kann unterschiedlich und sehr differenziert attribuiert und verstanden werden (Simon, 1988). Hier kann der Versuch die Situation anders zu verstehen, sehr hilfreich sein. Sind nicht Kinder und ihre Eltern wahrlich „Held_innen“, die schwierigste Situationen meistern und nicht bloß „Versager“.

Das Besondere im Bezug auf Kinder und Jugendliche ist der Wandel, dass etwas was gestern gegolten hat, heutet nicht mehr stimmt (Psenner, 2016). Die Themen sind naturgemäß „neu“ für die Kinder. Grundsätzlich gibt es 2 Prinzipien auf die Anforderungen zu reagieren: Sich eher nach der Umwelt zu orientieren (sich auf andere beziehen) oder sich stärker auf eine Selbst-Erfahrungen- einlassen (autonom reagieren) ( Loth, 2011). Dieser Abstimmungsprozess zwischen Autonomie und Bezogenheit ist für alle Beteiligten herausfordernd. Wenn Kinder Dinge anders und ungeübter angehen, kann das die Eltern belasten und irritieren (Papousek, 2008). Hier kann die Psychotherapie dieses Aushandeln von Neuem konstruktiv unterstützen. Es geht um ein sich-gegenseitig-verständlich-machen, was jeder meint und was für Bedürfnisse, Vorstellungen, Wünsche, Hoffnungen, Ängste, Zweifel, Erwartungen usw. dahinterstehen. Es geht auch nicht um „Harmonie“ oder wer „recht hat“. Liegt die Aufmerksamkeit dabei zu sehr auf Erfolg, kann das zu ungünstigen Entwicklungen führen (siehe Werzowa, 2013; Harter & Zigler, 1974). Was es besonders braucht, ist vollkommen individuell. Was aber immer hilft ist (angemessenes) Vertrauen den Kindern entgegenbringen, dass sie es schon machen, lernen, verstehen, schaffen werden. Früher oder später, mit mehr oder weniger Unterstützung.

Wien, März 2017 Wolfgang Werzowa


  • De Shazer, S. (2012). Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. Heidelberg : Carl-Auer-Systeme-Verlag.
  • Grossmann, K. P. (2000). Der Fluss des Erzählens. Narrative Formen der Therapie. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.
  • Harter S. & Zigler E. (1974). The Assessment of Effectance Motivation in Normal and Retarded Children. Developmental Psychology, 10 (2), 169-180
  • Loth, W. (2011). Was bewegt systemische Therapie? Versuch über Motivation in der systemischen Therapie. In Hans Schindler, Wolfgang Loth und Janina von Schlippe (Hrsg.). Systemische Horizonte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Ludewig, K. (2002). Leitmotive systemischer Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Papousek, M. (2008) Frühe Kommunikation und Beziehung. In:http://www.papousek.de/mp_interview_liga.php (am 10.05.2016)
  • Psenner D. (2016) Unveröffentlichtes Manuskript. Praktische Entwicklungspsychologie
  • Werzowa, W. (2013). Autonomie bei Kindern im Alter von 4 bis 7 Jahren aus der Sicht ihrer Eltern – Wie Eltern ihre Kinder in deren Selbstständigkeit unterstützen. Zur Erlangung des akademischen Grades Bachelor of Science (BSc.). Institut für Psychologie der Sigmund Freud Privat Universität Wien.

Einzelnachweise:

Retzlaff R.(2008) Kinder und Jugendliche im Kontext systemischer Therapie. In: Spiel-Räume. Lehrbuch der systemischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen, S. S.24

Zitat Nr. 3

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Einzelnachweise:

  1. Retzlaff R.(2008) Kinder und Jugendliche im Kontext systemischer Therapie. In: Spiel-Räume. Lehrbuch der systemischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen, S. S.24